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Hitzejammer

Freitag 16. Juli 2010 von Gintoki

Zugegezogene Vorhänge, runtergefahrene Jalousien, leere Wasserflaschen, ein Geruch nach Verbranntem, den meine Mutter bemerkt haben will, und vor allem Hitze: So in etwa ist mein Umfeld zu beschreiben, in dem ich einen neuen Jammertext verfasse, mir zwischendurch die Schweißperlen von der Stirn wische und inständig hoffe, dass der Brandgeruch doch nicht auf meinen Computer zurückzuführen ist.

Jedenfalls habe ich zurzeit erhebliche Probleme, die Blechkiste in Betrieb zu setzen. Aber man kennt das ja: Sei es der Computer, der Blog oder mein batterieschwacher Taschenrechner, der beim jeden Eintippen auf wundersame Weise eine neue (und zumeist falsche) Lösung ausspuckt. Meine Arbeitskräfte streiken inzwischen so oft, dass ich mir sicher bin, dass sie eine geheime Gewerkschaft gegründet haben.

Nun kann ich die Hitze kaum dafür verantwortlich machen, dass der Blog nicht wunschgemäß funktioniert. Zumindest abgesehen davon, dass sie mich von einem Aufenthalt in meinem Zimmer abhält, welches wie irgendwie alle Zimmer sich zur Sonnenseite hin oder gar auf dem Dachgeschoss befindet. Hier dürfte dasselbe Prinzip zugrunde liegen, das dafür sorgt, dass ein Toastbrot immer auf die beschmierte Seite fällt und sicherstellt, dass ich immer in die falschen Schulkurse komme.

Letztere Feststellung wurde am Montag bekräftigt, als in unserer Jahrgangsstufe aufgrund von Lehrerabwesenheit durch Klassenfahrten (und Unlust) so ziemlich alle Stunden und Kurse bis auf unseren zweistündigen Deutschkurs ausgefallen sind, der – wie könnte es anders sein – zur Mittagszeit stattfindet. Normalerweise würde ich nicht darüber jammern, die ersten vier Stunden frei und somit erst zur fünften Stunde Unterricht zu haben, aber es ist einfach ein furchtbar frustrierendes Erlebnis, sich schweißgebadet den Berg zur Schule empor zu schleppen, während all die anderen Schüler, die überhaupt noch Unterricht haben, einem entgegenkommen. In den letzten Tagen war es nämlich zumeist so, dass nach der vierten Stunde hitzefrei war – dies gilt allerdings nicht für die Oberstufe, was für uns ein Ausharren bis zum bitteren Ende bedeutet. Aber gut, wir sind ohnehin schon auf dem absteigenden Ast, es wäre nicht schade um uns.

Nichtsdestotrotz war der allgemeine Überlebenswille offensichtlich stärker als der Stundenplan, was sich dadurch zeigte, dass wir fünf Schüler, die überhaupt zu Deutsch gingen, so ziemlich die einzigen Personen an der Schule waren. Der Sechste im Bunde war unser Deutsch-Lehrer Herr G., dem irgendwann auch mal  auffiel, dass er der einzige Unterrichtende an der Schule war. Ein normaldenkender Mensch hätte uns fünf angesichts der Umstände natürlich sofort wieder entlassen, doch das kam für eine pflichtbewusste Lehrkraft natürlich nicht in Frage und so stellte er den spontanen Plan auf, ein einstündiges Literatur-Quiz durchzuführen und begann auch rasch, Fragen zu improvisieren.

Zumindest wäre uns die zweite Stunde erspart geblieben, wenn nicht genau am Ende der ersten ein Gewitter eingesetzt hätte. Herr G. stellte prompt fest, dass er uns so nicht gehen lassen könne und wir wurden noch länger festgehalten…

Wie gut, dass endlich Ferien sind, denn generell war die Schule in den letzten Tagen unerträglich. So war es zwar sehr nett, dass einige Schüler in (zu) regelmäßigen Abständen Eis im Unterricht verteilt haben, aber wenn ich noch mehr von dem Zeug hätte verdrücken müssen, wäre mir mit Sicherheit schlecht geworden.

Ebenso unappetitlich war der Pausenaufenthalt auf dem Schulhof, auf dem wir eine zappelnde, sich windende und vor allem riesige Fleischmade vorfanden, die mich doch erheblich am Gesundheitszustand meiner Mitmenschen respektive Zombies zweifeln ließ – aber gut, ganz so weit ist es mit uns Gott sei Dank dann doch noch nicht. Sicherlich hatte bloß irgendein Vogel die Made von einem verwesenden Kadaver aufgeschnappt und fallen gelassen.

Hoffe ich.

Was ich eigentlich damit ansprechen will, ist dass nicht nur Fleisch, sondern auch andere Lebensmitteln dazu neigen, bei diesen Temperaturen zu verderben. Als die Lasagne plötzlich zitronensauer schmeckte, schloss ich unter Anwendung meines messerscharfen Verstandes, dass es sich nicht etwa um eine neue Geschmacksrichtung handelt, auch wenn mir diesbezüglich schon so einiges untergekommen ist (und ich bin im Übrigen immer noch zitronensauer auf denjenigen, der die Lasagne mit Zimtgeschmack verbrochen hat!).

Als wahrhaftig hausgemachte Todesfalle erweist sich eine klemmende Balkontür, welche im flüssigen Wechsel tagsüber nicht zugeht und die warme Luft rein lässt und diese abends festhält, indem sie nicht aufgeht, und aus dem Raum eine Sauna macht. Nein, bei mir zuhause funktioniert überhaupt nichts richtig.

Das Betreten dieses Raumes dürfte sich aber noch wie eine Teleportation nach Alaska anfühlen, wenn man Kunde der Deutschen Bahn ist. Bei dieser funktioniert nämlich auch überhaupt nichts (kleiner Trost: damit sind wir Brüder im Geiste), vor allem die Klimaanlagen nicht. Aber an dieser Stelle muss ich mich korrigieren, denn sonst tu ich der Bahn Unrecht. Es gibt sehr wohl etwas, das bei ihr funktioniert und sogar regelmäßig kommt: Die Preiserhöhung.

Ein weiteres besonderes Ärgernis sind die derzeit hochaktiven Insektenviecher, die einfach nicht totzubekommen sind. Am penetrantesten sind solche, die immer dann auf wundersame Weise verschwinden oder eine Wiederauferstehung  nach christlichem Vorbild feiern, wenn man meint, sie erwischt zu haben.

Glücklicherweise lebe ich in einer Gegend, in der man von Mücken weitestgehend verschont ist. Generell sind die Artgenossen hierzulande im Vergleich zu den chinesischen Killermücken leicht zu bekämpfen.

Dafür pflege ich eine besondere Beziehung zu den Motten. Diese treten immer dann verstärkt in Erscheinung, wenn ich für ein paar Tage allein zuhause bin – die scheinen mich irgendwie zu mögen. Da diese Freundschaft aber nicht gerade auf Gegenseitigkeit beruht, werden die wahren Freunde des Insektenhassers geholt (bestehend aus Staubsauger, elektrischer Fliegenklatsche und Flammenwerfer) um die Küche von den feindlichen Invasoren zurückzuerobern – man will ja schließlich in Ruhe essen. Einen heldenhaften Kampf, zahlreichen Verwundungen und einer abgebrannten Wohnung später sind die Viecher schließlich erledigt. Der Körper ist erschöpft und schweißgebadet. Und wehe, wenn die Lasagne dann auch noch zitronensauer schmeckt.

Dass die Feinde meines Feindes noch lange nicht meine Freunde sein müssen, zeigen mir in letzter Zeit Federviecher. Im Optimalfall ist es nachts so warm, dass man auch beim geöffneten Fenster zuerst nicht einschlafen kann. Und wenn man es dann könnte, weil es langsam kühler wird, kann man es doch nicht, weil die Vögel wieder anfangen, zu grölen – und das mit Vuvuzela-Lautstärke. Leider erweisen sich Staubsauger und elektrische Fliegenklatsche bei diesen Nervtötern als zu kleinkalibrig. Da muss wieder mal der Flammenwerfer her.

Die Bezeichnung „schönes Wetter“ für diese Affenhitze ist nur mit einem besonders eigenartigen Sinn für Humor, ausgeprägtem Masochismus oder einer einsetzenden Hirnschmelze zu erklären. Jedenfalls gibt es Leute, denen es anscheinend gar nicht warm genug sein kann. Denen kann man freundliche Abhilfe schaffen, denn dies ist der Moment, in dem der Flammenwerfer einmal mehr seine Multifunktionalität unter Beweis stellt. Deshalb empfehle ich, stets einen Flammenwerfer griffbereit zu haben. Ist zwar ein bisschen warm, aber bei den Temperaturen schwitzt man ohnehin schon genug.

Ebenso unsinnig wie „schönes Wetter“ ist das Argument, in anderen Ländern seien solche Temperaturen normal, welches die Lage positiver erscheinen lassen soll. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass es in China noch wärmer ist. Allerdings sollte auch erwähnt werden, dass es in China in jedem Raum Klimaanlagen gibt, was man hierzulande nicht behaupten kann. In Deutschland gibt es höchstens Attrappen in Deutschen Bahnen, wie wir wissen. Desweiteren scheint einem in China die Sonne nicht so heftig auf den Pelz, weil die Sonne gar nicht durch die Smogwolke durchkommt.

Die einzige Aussicht auf eine Besserung der Wetterlage ist ein Gewitter, welches aber auch nur kurz für Abkühlung sorgt, weil die Temperaturen nach dem letzten Regentropfen sofort wieder in die Höhe schießen. Trotzdem nutzte ich zuletzt die Gelegenheit, um drei Runden laufen zu gehen, nachdem ich abgewogen hatte, dass meine Klamotten spätestens in Runde 4 so schwer vom Schweiß geworden wären, dass sie mich erbarmungslos zu Boden gerissen hätten.

In der letzten Runde beschlich mich zunehmend das Gefühl, dass ich bei der Abwägung vielleicht doch ein wenig zu optimistisch war, nach einem dramatischen psychologischen Konflikt konnte ich jedoch der Versuchung widerstehen, mich dem Exhibitionismus anzuschließen.

Immerhin bekam ich als Belohnung einen Regenbogen in einer Pracht zu sehen, die ich noch nicht kannte. Vielleicht ist der Wettergott ja doch nicht so bösartig und gemein, wie ich dachte.

Und wenn er mir den Topf Gold noch zuschickt, dann würde ich noch mal darüber hinwegsehen, dass die Hitze es mir so schwer macht, am Blog zu arbeiten.

Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 16. Juli 2010 und abgelegt unter Aus dem Leben, Lästereien, Satire. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.



4 Kommentare über “Hitzejammer”

  1. DaRuX schrieb:

    In China gibt es keinen Smog. Die Luft enthält wertvolle Mineralien, die essentiell für die gesunde Entwicklung des Körpers sind ;)  [Kommentar zitieren]

  2. PaladinFenris schrieb:

    Herrlich geschriebener Artikel. Super. Wann gibts die zitronensaure Lasagne zu kaufen?  [Kommentar zitieren]

  3. Gintoki schrieb:

    Die Luft enthält wertvolle Mineralien, die essentiell für die gesunde Entwicklung des Körpers sind

    Im Magen schon. Aber auch in der Lunge? XD

    Herrlich geschriebener Artikel.

    Danke.

    Wann gibts die zitronensaure Lasagne zu kaufen?

    Selbst herstellen. Sollte momentan nicht lange dauern. ;)

    PS: Aaaargh, habe doch glatt vergessen, einen Witz über den Blog-Namen miteinzubauen… -_-

    Na ja, kommt vielleicht noch, falls ich den Text mal für die “Best of Kotatsu”-Rubrik überarbeiten sollte. ^^  [Kommentar zitieren]

  4. Kalifornien – die Wüste lebt (Teil 1) - Kotatsu Revolution - Unterm Kotatsu – Über die Welt schrieb:

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