Die Mauer steht – eine Kolumne zur Deutschen Einheit
Sonntag 4. Oktober 2009 von Gintoki
Eine Kolumne, dem ich aus Anlass des Tages der Deutschen Einheit geschrieben habe. Leider nicht mehr rechtzeitig fertig geworden. XD
Heute vor 19 Jahren fand die Wiedervereinigung statt. Fortan wird der 3. Oktober immer wieder als das wichtigste Datum der deutschen Nachkriegszeit und das Zusammenkommen der beiden deutschen Republiken BRD und DDR als den emotionalsten Moment Deutschlands gepriesen. So ist zumindest das Bild, das die Öffentlichkeit, bestehend aus Medien und Politikern aufrecht erhalten wollen. Die Einheit sei unsere Stärke. Doch ist die Mauer wirklich gefallen? Oder steht sie etwa noch – in unseren Köpfen?
Ich habe den Mauerfall nicht miterlebt und weiß nicht, wie die Vorstellungen der Menschen waren und sehr sich das Denken der Deutschen verändert hat. Aber wenn ich mir die Bilder der euphorischen Menschen von damals anschaue, die die Wiedervereinigung bejubelten, dann empfinde ich eine gewaltige Diskrepanz, wenn ich mit den westdeutschen Mitmenschen spreche, die den Osten in einer arroganten Weise verabscheuen, ablehnen, herabwürdigen.
Paradoxerweise wird immer den älteren Ostdeutschen oder Westdeutschen, die nicht die gesamte östliche Kultur ablehnen, scheinheilig vorgeworfen, sie wollten die Mauer wieder zurück, romantisierten die DDR, seien separatistische Postkommunisten und – sozialisten von der SED. Dabei gibt es hier im Westen jede Menge Stimmen, die den Osten los werden wollen, ihn als Klotz am Bein und Schmarotzer, die vom hart erarbeiteten Wohlstand des Westens profitieren, betrachten. Sprecht mal mit jemanden über den Respekt vor dem kulturellen Erbe der Ostdeutschen. Die wenigsten werden nicht loslachen, geschweige denn ein Anzeichen von Amüsanz zeigen.
Wieso fühlen sich Westdeutsche den Ostdeutschen dermaßen überlegen? Es dürfte einiges mit den Eigenschaften zu tun haben, die dem Osten zugeschrieben werden. Unserer Generation wird der Osten als arm und rückständig präsentiert. Schuldig dafür spricht man die Ansichten der Ostdeutschen während der DDR-Zeit, während man hingegen im gleichen Atemzug den wirtschaftlichen Aufstieg der BRD glorifiziert. Es ist also nicht verwunderlich, dass sich das Urteil, der Osten würde alles falsch machen, irgendwann automatisch klischiert und die Menschen wirklich anfangen, dies zu glauben. Wenn man oft genug eine Lüge predigt, dann wird sie schließlich irgendwann zur Wahrheit.
Das sind Denkmuster, die aus den Zeiten des Kalten Krieges stammen. Stellen wir uns mal vor: Zwei 8-Jährige, ein BRD-Junge und ein DDR-Junge, stehen auf ihrer jeweiligen Seite der Mauer. Beide würden denken, dass sich dahinter das absolute Böse verbirgt. Dabei sind es nur die indoktrinierten Ideologien und eben diese Mauer, die sie trennen – womöglich könnten sie sonst beste Freunde sein. So ein Szenario hätte es nur vor über 30 Jahren geben können. Und trotzdem haben die Westdeutschen es nicht abgewöhnen können, dieses Feindbild vom Osten aufrecht zu erhalten, die andere Seite für die dumme, irrende, falsch liegende zu halten.
Dieses Denkmuster zeigt sich vor allem bei der Dämonisierung der DDR. Ich brauche mir nur das Fernsehprogramm von Heute anzuschauen. Fast überall nur Filme und Dokumentationen über die tragischen Geschichten der DDR.
Aufarbeitung: Schön und gut. Gegen des Vergessen: Auch schön und gut.
Aber eines fördert man mit dieser Einseitigkeit, um nicht zu sagen Hetze, sicherlich nicht: Die gegenseitige Akzeptanz von West und Ost. Die DDR besteht seit zwei Jahrzehnten nicht mehr, der Kalte Krieg ist vorbei, sogar die Sowjets sind weg. Was für ein Bedarf besteht bitte schön noch, die ostdeutsche Vergangenheit derart zu dämonisieren?
Generell zlegt Westdeutschland eine bemerkenswerte Ablehnung gegenüber allem, was in diesem “Unrechtsstaat” war, an den Tag. Schon der Begriff dient dazu, eine unterbewusste Pauschalisierung aufzubauen. Ich behaupte: Es war ja nicht alles schlecht. Wer nun Assoziationen mit dem Dritten Reich hat, der möge wissen, das ich sie ganz bewusst provozieren wollte. Oft wird die DDR nämlich mit jenem gleichgesetzt und somit dämonisiert. Dabei ist es ein gewaltiger Unterschied, ob der Zweck schon ein Verbrechen ist oder ob der Zweck an sich gut ist, aber Verbrechen als Mittel angewendet worden sind. Dass der Zweck die Mitteln heiligen würde, stimmt definitiv nicht. Aber noch weniger stimmt es, dass jeder, der Teil der SED, geschweige denn der DDR war, auch ein böser Mensch ist. Ich wiederhole: Es war nicht alles schlecht.
Im Gegenteil. Schaut man genau hin, gibt es sogar einiges, was man von der DDR lernen kann. Wobei ich dies allerdings anders interpretiere als Schäuble. Gysi hat letztens von einem Nachbarsjungen erzählt, dessen Familie bitterarm warm und nur zwei Bücher zu Hause hatte – wovon eines die Bibel war. Er ist Arzt geworden. Heute ist so etwas nicht mehr möglich. Da wurde mir wieder klar, wie sich unsere Gesellschaft eigentlich entwickelt hat. Im Sozialismus gab es noch allgemein verbindliche moralische Werte. Etwas, was in den Zeiten des Kapitalismus abhanden gekommen sind. Die pauschale Verpöhnung ist unangebracht, es war sicherlich vieles, aber bei weitem nicht alles schlecht.
Die Wende ist nun schon zwanzig Jahre her und dennoch hat man sich nicht dazu durchgerungen, den Osten als gleichberechtigt anzusehen. Es geht nicht, zu sagen: Entweder ihr werdet so wie wir oder ihr gehört nicht dazu. Viele Ostdeutschen spüren diese Haltung. Gäbe es mehr Akzeptanz für sie und ihre Kultur, glaubten sie dann noch, dass früher alles besser war? Ist das etwa Integration?
Und so muss man sich die Frage stellen: Was bedeutet eigentlich Vereinigung? Unter Vereinigung verstehe ich das Zusammenkommen von zwei Partnern, die eine neue Einheit bilden und gleichberechtigt sind. Somit muss man sich überlegen, ob der Begriff der Wiedervereinigung wirklich zutrifft oder ob es nicht eher ein Beitritt war, der eine gescheiterte Integration zufolge hatte, für die auch die Mauer, die in unseren Köpfen immer noch Bestand hat, maßgeblich verantwortlich ist.
Wo ist denn die Euphorie, die Dynamik hin, mit der vor 20 Jahren der Fall der materiellen Mauer, die Wende erreicht worden ist? Ich wünsche mir etwas davon zurück. Der Osten muss endlich als gleichberechtigt angesehen werden – auch wirtschaftlich. Wieso bekommen ostdeutsche Rentnerinnen und Renter weniger Rente für ihre Arbeit ausgezahlt? War ihre Arbeit etwa weniger wert? Wieso bekommen Ostdeutsche für die gleiche Arbeit wie Westdeutsche weniger Lohn? Ist ihre Arbeit etwa weniger wert?
Wir haben mit Merkel eine ostdeutsche Kanzlerin. Hat sich unter ihrer Führung irgendetwas für die Ostdeutschen geändert? Nein, nichts. Überhaupt nichts. Aber das gilt fast für die gesamten letzten 20 Jahre. Die Wiedervereinigung ist bisher gescheitert.
Wir müssen endlich die Mauer überwinden, indem wir wirtschaftliche Einheit, aber auch eine pluralistische Einheit der Ansichten schaffen. Dies erreicht man nicht durch eine schlichte Einverleibung. Die DDR ist gescheitert und die BRD ist übrig geblieben. Wir müssen unsere Haltung gegenüber dem Osten überdenken. Zeit für ein wirklich vereintes Deutschland.
Dieser Beitrag wurde erstellt am Sonntag 4. Oktober 2009 um 02:30 und abgelegt unter Politik. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.
Sonntag 4. Oktober 2009 um 03:19
Als älteres Semester (1978) westlicher Herkunft habe ich etwas mehr von der Wende mitgekriegt. Die Sache mit dem Unrechtsstaat nebenan hat man damals zumindest in den niedrigen Klassen nicht gross erzählt gekriegt und ich kann man mich auch an keine DDR-feindlichen Aussagen zuhause erinnern. Es gab nur eine Art Mitleidsmasche, dass Kinder, die Verwandte “drüben” hatten manchmal was rübergeschickt haben von ihrem Kram (Comics oder so), da es in der DDR sowas nicht so oft geben sollte. Und ich habe aber immer gerne Asterix-Filme im DDR-Fernsehen gesehen^^. Ich glaube, es hiess damals, in der DDR wurde mehr für Kinder gemacht.
Ich weiß nur noch, wie erschrocken wir waren, als wir dann tatsächlich 1990 rüber gefahren sind und sahen, wie trostlos und grau die Städte im Vergleich zu den westlichen Städten aussahen. Alles war irgendwie rückständiger und die ganzen Trabis liessen einen auch nicht gerade die DDR als hochentwickeltes Land sehen.
Das ist zumindest das, an das ich mich noch erinnern kann. Nicht das wir uns missverstehen, ich finde die Wende war total in Ordnung und das Geld gut finanziert. Man sollte aber nur nicht vergessen, dass Westdeutschland vor der Wende finanziell weitaus besser da stand und dass die ganze Sache dem Westen sehr viel Geld gekostet hat und die Staatsverschuldung dadurch noch weiter anstieg. Deswegen finde ich die “Ostalgie” teilweise etwas lächerlich, denn den Leuten ging es meinser Meinung damals in der DDR definitiv nicht besser. Wer sie dann zurück haben möchte, sollte sich mal an die Geschichte erinnern und deswegen ist diese Aufarbeitung wichtig. Sonst erinnern sich die Leute nur an das positive, denn Menschen sind halt so^^.
Klar, einiges war in der DDR besser, aber zu welchem Preis? Mir ist halt freie Meinungsäußerung wichtiger als ein Staat der sich teilweise mehr um die Menschen kümmert. Man muss sich nur überlegen, man durfte nicht überall hin reisen und z.B. Animes gab’s da auch nicht^^.
Wenn ich wieder in der Zeitung lese, dass regimekritischen Eltern die Kinder weggenommen wurden…oder dass nach verschwundenen Kindern teilweise aus fadenscheinigen Gründen nicht gesucht wurde…dann denke ich, das ist unsozialer als eine reine FDP-Regierung^^.
Witzigerweise weisen unsere “Ossis” bei der Arbeit eher öfter auf ihre Herkunft hin, als die Wessis dran denken…vor allem wenn da manchmal in Ostalgie geschwelgt wurde…
In 20-30 Jahren hat sich das Problem wohl eh von selbst erledigt, denn die Erinnerungen werden irgendwann in den Hintergrund treten und dann verschwimmt alles.
Unterschiede in den Gehältern gibt’s von Nord nach Süd, da beklagt man sich ja auch nicht. Die Sache mit den Renten finde ich auch etwas komisch, aber ich stecke nicht so im Thema drin. TMSIDR[Kommentar zitieren]
Sonntag 4. Oktober 2009 um 17:20
Ich hab den Mauerfall selbst auch nicht erlebt, aber denke genauso, dass die heutige Haltung des Westens gegenüber dem Osten nur eine Heuchelei ist.
Wer einmal in Berlin mit Zeitzeugen gesprochen hat merkt auch, dass die DDR damals alles andere als friedlebender Staat war. Ich persönlich kann nur aus meinem Umfeld und Erfahrungen sprechen, aber bei uns ist die DDR als Schreckensstaat verharmlost. Auf der einen Seite ist klar das es auch gute Dinge in der DDR gab, wie schon erwähnt die Fürsorge um die Kinder, trotzdem glaube ich das der Verlust von Freiheit kein Gegengewicht ist. Ich nehme an kaum einer weiß wie die Menschen in der DDR wirklich gequält wurden. Nicht nur physisch sondern größtenteils psychisch, die Folter kam der aus dem zweiten Weltkrieg gleich, nur dass sie ausgereifter war.
Am schlimmsten finde ich, dass alles langsam in Vergessenheit gerät. Wenn ich bei mir in der Klasse Leute über Politik sprechen höre und diese behaupten wir sollten am besten alles verstaatlichen und das mit der Überwachung wäre gut zweifle ich immer am gesunden Menschenverstand. Alles wofür soviele Menschen gekämpft haben, freiwillig wieder abzugeben ist, meiner Meinung nach eine Verleugnung unser Vergangenheit. Ich glaube fast schon diese Menschen müssen erst erleben wie es ist hinter einer Mauer zu leben um zu verstehen was Freiheit bedeutet. Dieses Thema taucht nicht mal auf dem Lehrplan unserer Schulen auf. Wie George Santayana schon sagte „Wer sich an seine Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.„ Es ist einfach nur Schade das sich kaum jemand mit so wichtigen Themen für unsere Zukunft beschäftigt.
Genauso ungerecht finde ich die Zustände die heute noch im Osten herrschen. Es leben noch kaum junge Menschen dort, weil es kaum Aussichten auf die Zukunft gibt und immer noch zerstörte und heruntergekommene Häuser vor sich hin vegetieren. Daher ist es auch klar das die Leute über die „Ossis“ herziehen und unverständlich wieso sie nicht mal über eine Verbesserung dieser Zustände denken. Nicht die Politiker machen Politik sondern wir und nur wenn das Interesse im Volk besteht wird sich etwas ändern. Da aber die Bequemlichkeit siegt, glaube ich sollte man die Menschen mehr aufklären, denn in meine Augen entwickelt sich unsere Gesellschaft zurück und es sollte an uns liegen das zu ändern. Inshandru[Kommentar zitieren]
Sonntag 4. Oktober 2009 um 22:23
Natürlich gab es in der DDR viel Unrecht. Aber der Westen muss endlich darüber hinwegkommen und dem Osten mehr Akzeptanz und Verständnis entgegenzubringen. Mir scheint es, dass einige mit dem Denken vor 20 Jahren stehen geblieben sind und den Osten nach wie vor als einen Klassenfeind betrachten.
Mir geht es darum, klarzustellen, dass jemand aus dem Osten genau so viel wert ist wie jemand aus dem Westen. Die Geschichte darf kein Grund dafür sein, sich jemanden überlegen zu fühlen.
Ich denke, dass man es sich zu einfach macht, die Ostdeutschen als Versager hinzustellen und auszugrenzen. Nein, vergessen darf man die Geschichte ganz und gar nicht, aber egal, was auch in der Vergangenheit vorgefallen sein mag, es darf uns nicht daran hindern, in die Zukunft zu schauen und uns weiterzuwickeln.
Ich will, dass die Menschen die Mauer in ihren Köpfen überwinden und West und Ost sich respektieren und wirklich vereinen, statt sich weiter gegenseitig Vorwürfe zu machen oder sich gar aufgrund der Geschichte über den anderen zu erheben. Gintoki[Kommentar zitieren]